Ansprache von Wolfram Fischer in der Januarwoche 2010 anlässlich des 30-jährigen Jubiläums:

"Von den Anfängen des Tübinger Bachkreises Genau genommen wurde der Grundstein für den Tübinger Bachkreis bei den Pfingstmusikfreizeiten im ehemaligen Kloster Inzigkofen  gelegt. Bei diesen von Fritz Behn geleiteten Musikfreizeiten war auch Klaus Engler in der Leitung tätig. Klaus war Musikwissenschaftler und damals in Berlin bei der Stiftung preußischer Kulturbesitz tätig. Mit aktivem Musizieren hatte diese Tätigkeit nichts zu tun, deshalb seine Teilnahme in Inzigkofen, wo Bernhard Bauer, Erika Weber und ich ihn Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts kennen lernten. Klaus war ein leidenschaftlicher, ja beinahe besessener Anhänger der Musik J. S. Bachs. So unterbreitete er uns früh den Vorschlag, Hausmusik der etwas anderen Art durchzuführen: Da Klaus in der Verbindung „Normannia“ war, konnten wir auf dem Normannenhaus (Verbindungshaus) in Tübingen an einem Wochenende eine Bachkantate mit eigenem Orchester, eigenem Chor und Solisten musizieren. Am Sonntag gegen 17 Uhr wurde die Kantate geladenen Gästen in einem Gesprächskonzert dargeboten. Sinngemäß begann Klaus Engler seine Ausführungen bei jeder Bachkantate so: „Wir bringen Ihnen heute eine der schönsten Kantaten J. S. Bachs zu Gehör!“ Am Ende seiner Ausführungen bat er auch um einen kleinen Obolus in die bereit gestellte Rama-Schachtel zu legen, da er einige finanzielle Auslagen für dieses Kantaten-Wochenende hatte. Da wir uns nach der Aufführung meist sehr überschwänglich und emotional von allen verabschiedeten, fiel uns meist erst 20 km hinter Tübingen ein, dass wir die Rama-Schachtel total vergessen hatten. Die Einweihung einer neu renovierten Kirche in der Nähe von Reutlingen durften wir mit Chor und Orchester musikalisch umrahmen. Die Kirchengemeinde wollte uns eine finanzielle Zuwendung geben, was aber daran scheiterte, dass wir „nur“ Privatpersonen und kein Verein waren. So haben wir eben zu Gottes Lohn gesungen und musiziert wie es J.S. Bach unter allen seinen Werken vermerkte: S.D.G. (Soli Deo Gloria) - Allein zur Ehre Gottes. 1977 erreichte Klaus, dass er vom 2. – 6. Januar im Volkshochschulheim Inzigkofen eine Musikwoche abhalten durfte: J. S. Bach „Das musikalische Opfer“, Erarbeitung in Theorie und Praxis. Am Ende dieser Woche waren wir begeistert. Da Inzigkofen nur alle 2 Jahre diesen Termin frei hatte, planten und organisierten wir für das kommende Jahr selbst eine Musikwoche. 1978 erarbeiteten wir „Die Kunst der Fuge“ von J. S. Bach im ehemaligen Kloster Bernstein, in der Nähe von Rosenfeld. 1979 waren wir wieder in Inzigkofen und musizierten Teil I der h-moll Messe von J. S. Bach. Wieder waren alle begeistert und wollten im folgenden Jahr unbedingt eine Fortführung. 1980 buchten wir Schloss Schwanberg bei Würzburg, um Teil II der h-moll Messe zu musizieren. Da bis in den späten Herbst nur wenige Teilnehmer sich meldeten, war unser Vorhaben mehr als gefährdet. Für uns Organisatoren (Gisela An Schweres Stück gewagt - Pforzheimer Kurier 09.01.2006Hofmeister, Ekkehard Abromeit, Bernhard Baur, Otto Maisch, Wolfram Fischer) stellte sich die Frage: „Wer trägt die rechtliche Verantwortung, wer bezahlt evtl. anfallende Ausfallgebühren an das Schloss Schwanberg?“ Fazit: Die privaten Organisatoren sind verantwortlich und müssen anfallende Ausfallgebühren aus eigener Tasche tragen. Dank einer größeren Werbeaktion kam Schwanberg mit ca.55 Teilnehmer doch zustande. Dieses Erlebnis der Unsicherheit war für uns Anlass, im Februar 1980 den „Tübinger Bachkreis“ zu gründen. An dem Gründungswochenende musizierten wir auf dem Normannenhaus in Tübingen u.a. die Bachkantate BWV 79 „Gott der Herr ist Sonn’ und Schild“. (Es hat mich sehr gefreut, dass Uli diese Kantate nun zum 30-jährigen Bestehen ausgesucht hat: So haben wir den Bogen von Anbeginn bis heute gespannt.) Der neu gegründete Verein sollte uns also eine juristische und finanzielle Sicherheit bei unserem Musizieren geben, Vereinsmeierei lag uns fern. Mit Klaus waren wir der Meinung, dass „... das eigene Singen und Spielen dem Musizierenden ein intensiveres Begegnen mit dem jeweiligen Werk vermitteln kann als es die perfekteste Wiedergabe im Rundfunk oder durch die Schallplatte vermag.“ (1980) Deshalb können unsere Musikwochen nicht mit einem Abschluss-Konzert enden. Bei dieser Begegnung mit Musik wollen wir – wenn möglich – für alle Platz haben: für alte und junge, für sehr musikalisch und weniger musikalisch begabte Teilnehmer. Wir freuen uns, wenn sich die musikalischen Harmonien fortsetzen in einer guten Atmosphäre, in einem guten Miteinander und einem ehrlichen Interesse aneinander. Dies konnten wir – trotz verschiedener, teilweise heftiger Turbulenzen- die letzten 30 Jahre bewahren und wollen auch in Zukunft diese Tradition pflegen und fortführen. Voller Stolz können wir auf die bisher musizierten Werke verweisen, die in der Auflistung „Werke der Musikwochen“ nachzulesen sind. Uns und somit dem Tübinger Bachkreis wünsche ich, dass wir noch viele gelungene Januarwochen erleben dürfen."